Ochsenkopf und Kornblume
Benneckenstein im Harz lag direkt an der innerdeutschen Grenze. Welche Folgen hatten der Ausbau des Grenzsystems und der Mauerbau in Berlin für den kleinen Ort?
Julius C Schreiner
Der 13. August 1961 hatte für die Menschen einschneidende Folgen, die in der Nähe der innerdeutschen Grenze lebten – auch außerhalb Berlins. Der Ortschronist Jürgen Kohlrausch hat sich mit den Entwicklungen in seiner Heimat Benneckenstein im Harz beschäftigt.
Obwohl die durchlässige Demarkationslinie von 1945 im Laufe der Fünfziger Jahre schon längst zur gut bewachten „Staatsgrenze West“ herangewachsen war, durfte doch immer noch offiziell an die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten geglaubt werden. Der Wunsch nach einem einigen Vaterland schien noch realisierbar zu sein – bis zum denkwürdigen 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus in Berlin! An diesem Tag begann die DDR-Führung ihren kompromisslosen Wettlauf um das bestausgebaute und perfekteste Grenzsystem der Welt.
Anders als die sichtbaren Veränderungen an der 1.393 km langen „Frontlinie zum Klassenfeind“ (wie Metallgitterzaun, Beobachtungstürme, Kfz-Sperre, Kolonnenweg und Minengürtel) war die staatlicherseits ebenfalls angestrebte ideologische Abschottung im Bereich des am 27. Mai 1952 eingerichteten 5 km-Sperrgebietes äußerlich kaum sichtbar. Sie vollzog sich in den Köpfen der Grenzbewohner, denen stets die deutlichsten Bekenntnisse zum Sozialismus abverlangt wurden. Die Agitatoren tönten: „Die entscheidende Frage für die Schaffung eines Zustandes der erhöhten Ordnung und Sicherheit ist die ständige ideologische, politische Erziehungsarbeit mit den Menschen.“
Die Sperrgebietsbewohner lebten isoliert von der Außenwelt, durften nur per Passierschein genehmigte Besuche empfangen, hatten sich mit Überwachung, Registrierung, Reglementierung sowie Versorgungsengpässen abzufinden und waren darüber hinaus angehalten, allen sog. „Grenzsicherungsmaßnahmen“ unbesehen Beifall zu zollen. Diese Bereitschaft wurde monatlich mit einem finanziellen Sperrzonenzuschlag in der Lohntüte und einigen anderen Vergünstigungen honoriert.
Der Slogan „Ordnung und Sicherheit“ wurde groß geschrieben. Als treffendes Beispiel dafür mag folgender Auszug aus dem Referat eines Benneckensteiner SED-Funktionärs vom Oktober 1961 dienen: „Es muß jedem Bürger unserer Stadt klar sein, daß es in der gegenwärtigen Etappe der Entwicklung eine besondere Ehre für ihn ist, Bewohner des Sperrgebietes zu sein. Jetzt kommt es darauf an, unter Einbeziehung der gesamten Bevölkerung… die Massenwachsamkeit zu erhöhen und den Schutz der Staatsgrenze auf breiter Basis zu erhöhen…!“ An anderer Stelle heißt es:
„Die gesamte bisher eingeschätzte und dargelegte Aufgabenstellung auf allen Gebieten unseres gesellschaftlichen Lebens kann nur verwirklicht werden, wenn wir es verstehen, in unserer Stadt unter Einbeziehung der gesamten Bevölkerung einen Zustand der erhöhten Ordnung und Sicherheit zu schaffen. Dazu gehört… vor allem aber die Sicherung unser Staatsgrenze West. Das erfordert in erster Linie von uns allen im Sperrgebiet wohnenden Menschen, sich selbst von allen feindlichen Einflüssen frei zu machen. In unserer Stadt muß vor allem jetzt ein Zustand geschaffen werden, daß der Empfang westlicher Fernseh- und Rundfunksendungen der Vergangenheit angehört. Ein Teil der Menschen hat das zwar bis heute noch nicht in vollem Umfange begriffen, und es ist daher notwendig, diesen Bürgern endlich klarzumachen, daß jeder einzelne, der im Sperrgebiet wohnt, persönlich mit dafür verantwortlich ist, daß die Sicherheit in unserem Gebiet als wesentlicher Bestandteil zur Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft unserer Republik vorrangig zu gewährleisten ist. Wer das Richtige nicht weiß, kann das Richtige auch nicht tun….“
Aktion Ochsenkopf
Mit dieser Aussage war der Startschuß zur sog. „Aktion Ochsenkopf“, dem Verbot des Westfernsehens, gefallen. Aus den Fernsehgeräten sollten die entsprechenden Kanäle entfernt, Antennen gedreht und Erziehungsberechtigte genötigt werden, schriftliche Verpflichtungen in der Schule abzugeben. Diese Aktion verlief allerdings nicht wie gewünscht. Nur 40 Bürger erklärten sich im November 1961 zum Ausbau ihres Westkanals bereit. Diejenigen, die Anordnungen kritisch hinterfragten, mußten Vorsicht walten lassen, wollte man mit der Staatsmacht nicht in Konflikt kommen. Fünf Benneckensteiner Familien (die von Joachim Fischer, Manfred Kühne, Kurt Oberländer, Fam. ? und Herrn Guhlke) bekamen dies am 3. Oktober 1961 am eigenen Leib zu spüren. Jenem Personenkreis wurde eine angebliche nichtkonforme Einstellung zum Staat zum Verhängnis. Sie wurden Opfer einer bis ins Detail geplanten Zwangsausweisung namens „Aktion Kornblume“. Die Aktion erinnert in ihrer Ausführung erschreckend an die Zwangsaussiedlung der „Aktion Ungeziefer“ von 1952.
Aktion Kornblume
Sechs Uhr früh wurden die Betroffenen von Uniformierten darüber in Kenntnis gesetzt, daß sie binnen vier Stunden ihr Zuhause verlassen müßten. Auf LKW verfrachtet fuhren sie mit ihrem Hab und Gut unvorbereitet einer ungewissen Zukunft entgegen. Im Kreis Wernigerode siedelte man auf diese Weise 16 Familien aus dem 5-km-Sperrgebiet in die Region von Magdeburg um. Die akribisch vorbereitete „Aktion Kornblume“ geschah unter enormen personellen Aufwand. So sind allein die im Kreis Wernigerode im Einsatz gewesen Personen mit 871 beziffert, rekrutiert aus Polizei, Kampfgruppen, Feuerwehr, VP-Helfern und 30 Partei-Agitatoren.
Damit wurde deutlich, daß die Worte des anfangs zitierten Benneckensteiner Funktionärs keine leeren Drohungen waren: „Es muß endgültig klar sein, daß jeder, der diese westlichen Ideologien verbreitet, den westdeutschen Militarismus unterstützt, selbst zum Kriegstreiber wird und sich damit außerhalb unserer Gesellschaftsordnung stellt. Diese Bürger müssen und werden auch dem zufolge die ganze Härte unserer demokratischen Gesetze zu spüren bekommen. Vor allem muß klar sein, daß für solche Menschen kein Platz mehr im Sperrgebiet sein kann…“ Der Klempner und Kunstmaler Kurt Oberländer, seine Frau Anneliese und die beiden Kinder Peter und Brigitte in der Unterstadt gehörten zu jenen Menschen, für die in der Sperrzone „kein Platz mehr“ sein sollte. Ihnen wurde eine Behelfswohnung in Zerbst zugewiesen.
Während die Familie dort bemüht war, sich in die neue Lebenssituation einzugewöhnen, liefen in Benneckenstein kontroverse Diskussionen, speziell über die Familie Oberländer. Besonders in der Arbeitsstelle des Familienvaters, dem VEB (K) Metallbearbeitung, kam es unter den dort Beschäftigten zu Sympathiebekundungen. In dem Protokoll einer außerordentlichen Ratssitzung wurde u. a. die Einschätzung eines Vertreters des Arbeitgebers notiert: „Im Betrieb wird zum größten Teil über die Umsiedlung der Familie Kurt Oberländer diskutiert. Herr Oberländer ist in der Öffentlichkeit in negativer Hinsicht wenig in Erscheinung getreten und deshalb die Umsiedlung des Genannten für viele nicht verständlich.“
Bürgermeister Lambrechts Entgegnung lautete kurz und knapp: „Ich betone nochmals, daß die Umsiedlung dieser Familien aufgrund einer gründlichen Überprüfung erfolgte.“ Und: „Zu dem Umzug ist nochmals zu sagen, daß diese Maßnahme mit der größten Höflichkeit durchgeführt und den betreffendem Personenkreis ausreichender und guter Wohnraum zur Verfügung gestellt wird. Unser Staat tut alles für solche Menschen, die sich nicht so verhalten haben, wie es nötig ist… Wir können von unseren Bürgern verlangen, daß sie nicht als Feinde unserer Republik provokatorisch auftreten. Es muß nochmals betont werden, daß es sich um eine einmalige Angelegenheit handelt.“
1972 ist Benneckenstein bis auf die Häuser von Postwinkel und Waldpromenade aus dem Sperrgebiet ausgegliedert worden. Die Grenzsicherungsanlagen waren soweit perfektioniert, daß ein Verbleib nicht mehr erforderlich war.
Kurt Oberländer ist niemals ein Staatsfeind oder Provokateur gewesen, trotzdem wurde er als ein solcher behandelt. In Zerbst, seinem ihm zugewiesenen neuen Wohnort, konnte er sich bald allseitiger Anerkennung erfreuen. Um 1966 erhielt er die Möglichkeit, zurück in seinen geliebten Harz, nach Thale zu ziehen, wo er um 1980, sechzigjährig, ein Eigenheim erbaute. 1991 stieß er zum Kultur- und Heimatverein Benneckenstein hinzu und bereicherte fortan in seiner Heimatstadt das kulturelle Leben mit mehreren Gemäldeausstellungen.
Autor: Jürgen Kohlrausch