Interview

Foto vom Feind

Die Geschichte einer besonderen Freundschaft - zwei Männer, die sich an der innerdeutschen Grenze gegenüberstanden und heute Freunde sind.

Jahrelang stehen sich Andreas Würz und Wolfgang Engler an der innerdeutschen Grenze gegenüber – ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Als die Mauer fällt, freunden sich die beiden Männer an. Das Sachsen-Anhalt-Journal hat sie in Abbenrode besucht.

„Der 7. April 1983 war ein wunderschöner Frühlingstag, das weiß ich noch ganz genau.“ Wolfgang Engler zeigt auf ein Foto, das er an diesem Tag mit seiner kleinen Pocketkamera aufgenommen hat. Zu sehen sind drei DDR-Grenzaufklärer – Einer hält ein Fernrohr vor den Augen, einer dreht sich weg, der dritte schaut genau in seine Kamera. „Das ist Andreas“, sagt Wolfgang Engler und lächelt. Andreas Würz, der abgebildete Soldat auf der Ostseite der Grenze, sitzt ihm heute im Abbenröder Heimatmuseum am Tisch gegenüber. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Die Anweisung, die Wolfgang Engler und seine Kollegen von der bundesdeutschen Zollstreife damals erhalten – an die Grenze bei Lochtum zu fahren – ist nicht ungewöhnlich. Drei DDR-Grenzaufklärer stehen direkt vor den Sperranlagen. „Immer, wenn das passierte, fuhren wir dort hin und beobachteten sie dann so lange, bis sie sich wieder zurückzogen“, erklärt der ehemalige BRD-Zollbeamte. Er schießt dann oft ein paar Fotos, zum Teil aus Neugier, teils zum Zeitvertreib. Dass er mit dem Mann, der damals in seine Kamera schaut, jemals sprechen würde – daran ist noch nicht zu denken.

Heute verbindet die beiden Männer eine Freundschaft, die alles andere als selbstverständlich ist. Sie wachsen zwar nur zwei Kilometer voneinander entfernt im nördlichen Harzvorland auf, doch zwischen ihren Heimatdörfern Lochtum und Abbenrode befindet sich eine Staats- und Systemgrenze, die zumindest von Ost nach West fast unüberwindbar ist und tödlich sein kann. „Man ist mit dieser Grenze aufgewachsen und für mich war klar: An der Bushaltestelle im Ort ist die Welt zu Ende“, erinnert sich Andreas Würz, der ehemalige DDR-Grenzaufklärer, und Wolfgang Engler ergänzt: „Wenn man hier in der Gegend wohnte, war die Grenze ein Stück weit Normalität.“

Wolfgang Engler als Zollbeamter

„Miteinander sprechen konnten wir nicht. “

Wolfgang Engler

ehemaliger Zollbeamter

Beide Männer machen die innerdeutsche Grenze, an der sie aufwachsen, in den 1980er Jahren zu ihrem Beruf. Wolfgang Engler geht zum bundesdeutschen Zoll und arbeitet nicht weit von seinem Heimatort Lochtum entfernt an einer Grenzaufsichtsstelle. Auf der anderen Seite der Grenze entscheidet sich Andreas Würz für eine Laufbahn bei den Grenztruppen, auch, um in der Nähe seiner Familie in Abbenrode bleiben zu können. Seit ungefähr 1983 sehen sich die beiden Männer regelmäßig in ihrem Dienst. „Wir haben uns oft an der Grenze direkt gegenübergestanden, aber miteinander sprechen konnten wir nicht. Das war eine komische Situation, aber man hat das eben akzeptiert“, resümiert Wolfgang Engler. Während die West-Zollbeamten manchmal grüßen, ist es den DDR-Grenztruppen verboten, einen Gruß zu erwidern. Vorurteile gibt es auf beiden Seiten. „Die Politschulungen haben keine Gelegenheit ausgelassen, um zu erklären, dass auf der anderen Seite der Klassenfeind steht,“ erinnert sich Andreas Würz. Und als junger Zöllner fühlt sich auch sein Freund im Westen auf der „besseren Seite“ des Eisernen Vorhangs. Dieser Eindruck beginnt jedoch auf beiden Seiten zu bröckeln – obwohl, oder gerade, weil sie an der Grenze Tag für Tag die Vertreter des anderen Deutschlands sehen.

Die täglichen Aufgaben im Dienst sind oft ähnlich. Die Männer sollen beobachten, was sich auf der anderen Seite tut: Welche Bautätigkeiten gibt es? Wer ist an der Grenze unterwegs? Das sogenannte Aufklären betreiben die DDR-Grenztruppen jedoch sehr viel ausführlicher, erklärt Andreas Würz: „Jede einzelne westdeutsche Streife und auch viele zivile Personen wurden dokumentiert und fotografiert.“ Dafür begeben er und seine Kollegen sich häufig, wie an jenem Tag im April 1983, auch vor die Sperranlagen. Heute ist der ehemalige Grenzaufklärer froh, dass er sich in seinem Grenzabschnitt nie mit Fluchtversuchen oder anderen brenzlichen Situationen konfrontiert sah und so während seiner Dienstzeit kein einziges Mal von seiner Schusswaffe Gebrauch machen musste.

„Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Grenze verschwindet.“

Andreas Würz

ehemaliger DDR-Grenzaufklärer

Während eine 5 Kilometer breite Sperrzone es den Bürger:innen der DDR nicht erlaubt, sich der Grenze überhaupt zu nähern, wird auf westlicher Seite 1984 eine Aussichtsplattform bei Lochtum eingeweiht. In den letzten Jahren der DDR reisen unzählige Tourist:innen in Bussen an – oft mehrere pro Tag –, um einen Blick auf die Grenzanlagen und in den Osten zu werfen. Wolfgang Engler führt während seiner Dienstzeit Gruppen aus Westdeutschland, aus den USA, Israel oder Syrien an die innerdeutsche Grenze. Über die Jahrzehnte hat sich eine – wenn auch in Ost und West sehr unterschiedliche – Normalität an der Grenze etabliert. „Es war außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass die Grenze irgendwann verschwindet“, fasst Andreas Würz die Stimmung kurz vor der Wende zusammen.



Und doch geht im Herbst 1989 dann alles ziemlich schnell. Am 11. November demontieren Bürger:innen in Stapelburg – im Einsatzgebiet von Wolfgang Engler und Andreas Würz – eigenhändig den trennenden Zaun und schaffen damit die erste Grenzöffnung außerhalb Berlins. Plötzlich können die Grenzer aus Ost und West miteinander reden und müssen es auch. „Es passierte ja jeden Tag etwas Neues und wir mussten trotz der Euphorie auch einen kühlen Kopf behalten“, erinnert sich Wolfgang Engler. Andreas Würz ergänzt: „Es war schon beeindruckend, welche pragmatischen Lösungen wir miteinander gefunden haben. Berlin und Bonn waren ja weit weg.“ Innerhalb kürzester Zeit bauen Menschen aus beiden Orten mit Unterstützung vom Technischen Hilfswerk und den Feuerwehren eine Brücke zwischen Lochtum und Abbenrode. Alle arbeiten unbürokratisch zusammen.

Andreas Würz (links) und Wolfgang Engler

Spaziergang in den Westen

Die Kommunikation zwischen Ost und West, die vor wenigen Wochen noch verboten war, ist nun ein wesentlicher Bestandteil des Dienstes an der Grenze, den die beiden Männer nach der Wende noch ein paar Monate ausüben. „Wir hielten von da an oft Ausschau nach einer westdeutschen Streife, um zu quatschen“, erinnert sich Andreas Würz schmunzelnd. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1989 planen ehemalige Grenzer aus Ost und West dann ein größeres Treffen in einer Abbenröder Kneipe. Hier sprechen Andreas Würz und Wolfgang Engler erstmals ohne Uniform miteinander. Obwohl es sich anfangs noch seltsam anfühlt, unternimmt Andreas Würz mit seiner Ehefrau noch am gleichen Tag einen Spaziergang zu den Englers nach Lochtum. Beide Männer sind sich einig: „Bei uns hat es einfach von Anfang an gepasst.“ In der Folge laden sie sich gegenseitig zu Geburtstagen ein, tauschen sich über Literatur aus und machen gemeinsame Ausflüge mit ihren Kindern, die in einem ähnlichen Alter sind. „So hat sich das Verhältnis immer weiterentwickelt und ist in eine Freundschaft übergegangen, die bis heute besteht“, freut sich Wolfgang Engler. Gemeinsame Reisen führen die befreundeten Familien in den kommenden Jahren in die USA, nach Israel und Jordanien.

Beide Männer schaffen es, besonders im Austausch miteinander, die eigene Vergangenheit reflektiert aufzuarbeiten. „Uns hat von Anfang an verbunden, dass wir wertfrei miteinander umgehen konnten. Wir haben uns für die Erfahrungen des anderen interessiert, aber einander niemals Vorwürfe gemacht“, schildert Wolfgang Engler. „Viele Angehörige der Grenztruppen haben die Wende ja damals als persönliche Niederlage empfunden – auch ich“, ergänzt Andreas Würz, „aber heute kann ich sagen: Diese Niederlage hat sich angebahnt und war berechtigt. Es ist gut, dass es so gekommen ist.“


Bis heute sind Andreas Würz und Wolfgang Engler gemeinsam auch im Grenzerkreis Abbenrode tätig und versuchen, die eigenen Erlebnisse an der innerdeutschen Grenze aufzuarbeiten und weiterzugeben. Im Juni 2024 leiteten sie beispielsweise eine Exkursion entlang des Grünen Bandes zwischen Abbenrode und Stapelburg und gewährten den Teilnehmenden dabei auch Einblicke in ihre persönliche Geschichte.
Der Grenzerkreis Abbenrode ist ein Zusammenschluss aus ehemaligen Mitarbeitern von bundesdeutschem Zoll und Bundesgrenzschutz und Angehörigen der DDR-Grenztruppen. Seit 2013 trifft sich die Gruppe aus ungefähr 15 Männern regelmäßig in Abbenrode zum Austausch. Sie besuchen Schulen, bieten Grenzwanderungen an und halten Vorträge. Die Gruppe hat sich dazu das Motto „Erinnern – Gedenken – Mahnen“ auf die Fahnen geschrieben.


Erschienen in:

Sachsen-Anhalt-Journal – „Osten“ (Nr. 2, 2024)

Autorin: Christine von Bose